Manche haben sich verwundert die Augen gerieben, als ausgerechnet vom leitenden Personal der Propagandaschleudern des Systems heftige Kritik an diesem verbreitet wurde. Am 22. Juli 2011 eröffnete Charles Moore, der autorisierte Biograph der Margaret Thatcher, im britischen The Telegraph den schockierten Lesern, dass er nun ein Linker werde:
I'm starting to think that the Left might actually be right
Nicht nur die Überschrift ist ein alter Witz, den die Leser nur deshalb noch nicht kennen, weil solche Witze in den Medien deren Führungskräften und nicht jedem einfachen Journalisten erlaubt sind. Auch die Argumente sind so treffend wie uralt und daher Charles Moore persönlich vorbehalten (in Deutschland haben wir für solche Argumente Oskar Lafontaine und den Gregor Gysi und die Sahra Wagenknecht, die anderen Linken müssen die Wertform analysieren):
The rich run a global system that allows them to accumulate capital and pay the lowest possible price for labour. The freedom that results applies only to them. The many simply have to work harder, in conditions that grow ever more insecure, to enrich the few. Democratic politics, which purports to enrich the many, is actually in the pocket of those bankers, media barons and other moguls who run and own everything.
Mit solchen Aussagen könnten Kommunisten heute bei uns alle Wahlen gewinnen, daher ist es wichtig, dass die damit beschäftigt sind, dem Fidel Castro zum Geburtstag zu gratulieren und wieder einmal die drei Schwarten „Das Kapital“ von St. Marx gemeinsam zu studieren und den „Fetischismus“ zu kritisieren:
Marx-Herbst-Schule
Ganz einfach gesagt: Kritik am Kapitalismus, echte und treffende Kritik, wird nur den führenden Figuren des Systems erlaubt. Und schon gar nicht der von den V-Leuten der Herrschenden restlos unterwanderten Opposition (bei uns aber wegen der deutschen Einheit Oskar, Gregor und Sahra). Die Betreffenden wissen das alle und beschränken sich zum Beispiel als Redakteure der Systempresse darauf, die Systemkritik ihrer Oberen als große Erkenntnis zu zitieren, sie aber keinesfalls wirklich aufzugreifen und womöglich noch zu übertreffen.
Die Führungsrolle im deutschen Blätterwald für die plötzliche Systemkritik war nach dem gebührenden zeitlichen Abstand Frank Schirrmacher von der FAZ vorbehalten. Er durfte sogar die Überschrift von Charles Moore übernehmen:
Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat
In dem Artikel finden wir vortrefflich und schlagkräftig alle Argumente, die wir bei den Vertretern der offiziellen Linken (mit Ausnahme von Oskar, Gregor und Sahra) in unserem Land, die ja aber mit St. Marx beschäftigt sind, seit Jahrzehnten vermissen. Um von den neoliberalen Arbeiterverrätern in SPD und Gewerkschaften ganz zu schweigen. Das hat einige Linke zu freudigen Kommentaren veranlasst:
Schirrmacher lässt keinen Zweifel daran, dass die aktuelle „bürgerliche“ Politik falsch ist, weil sie ihre Versprechungen längst nicht mehr einlöst. Im Gegenteil: Die These, dass das politische System nur den Reichen dient, werde immer plausibler. Der Neoliberalismus habe sich aus dem „imaginativen Depot des bürgerlichen Denkens“ bedient und daraus seine Legitimation bezogen. Aber, so Schirrmacher: „Das große Versprechen an individuellen Lebensmöglichkeiten hat sich in sein Gegenteil verkehrt.“Überraschende Kapitalismuskritik aus dem bürgerlichen Lager – Frank Schirrmacher und Charles Moore als Beispiele…
Selbstverständlich bedeutet die Systemkritik von Moore bis Schirrmacher keinen Gesinnungswandel der herrschenden Kreise. Es ist einfach so, dass diese Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse inzwischen schon die Spatzen von allen Dächern pfeifen. Immer mehr Bürger fragen sich verwundert, wie der Neoliberalismus immer noch ungestört die Politik bestimmen kann, obwohl er inzwischen selbst von den Gutgläubigsten und Naivsten durchschaut wurde.
Um jeden Schaden von sich abzuwenden, muss das herrschende System diese Kritik mit seinen eigenen Leuten aufgreifen. Damit nimmt es dieser Kritik die Kraft, eine wirkliche oppositionelle Bewegung gegen die herrschenden Verhältnisse zu motivieren. Während die V-Leute in der Linken dafür sorgen, dass weiter alle mit St. Marx beschäftigt sind, können bekannte Wortführer des Neoliberalismus und Kommandeure der Systempresse sich als kritische Köpfe abfeiern lassen, diese Kritik damit zu faden und wohlfeilen Bekenntnissen erniedrigen und allen wirklichen Gegnern des Systems den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Frank Schirrmacher hat damit den neoliberalen Kapitalismus vernehmlicher wie alle Linken zusammen kritisiert, und das sogar in der FAZ (ätsch!), was freilich keinerlei Folgen für die reale Politik haben wird, was nun, da einige Monate nach diesen Veröffentlichungen ins Land gegangen sind, offensichtlich sein sollte.
Der Neoliberalismus wird weiter die Politik bestimmen. Dessen Kritiker müssen jetzt damit leben, in den Augen der Konsumenten der Systemmedien seit dem Juli 2011 einen Charles Moore oder einen Frank Schirrmacher nachzuplappern. So schaut es zumindest für alle aus, die lediglich die Systemmedien verfolgt haben und nicht wissen, dass sämtliche von Moore bis Schirrmacher gesammelten Argumente gegen den Neoliberalismus von der britischen wie der deutschen Systempresse seit mindestens dreißig Jahren totgeschwiegen wurden.
Das Totschweigen lässt sich nicht mehr länger durchhalten, daher kann man diese kritischen Argumente nur noch damit erledigen, dass Charles Moore und Frank Schirrmacher sie sich zu eigen machen.
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